Die Geschichte Heiligendamms – Teil 3: Die Gestaltung des Kurhauses

Das Kurhaus gilt als Wahrzeichen Heiligendamms. Aber was bedeutet eigentlich der farbige Bildschmuck auf der ansonsten weißen Fassade? Im dritten Teil seiner Serie zur Geschichte Heiligendamms erklärt Prof. Joachim Skerl die Hintergründe der Gestaltung des Kurhauses.

Das Kurhaus gilt als Wahrzeichen Heiligendamms. Aber was bedeutet eigentlich der farbige Bildschmuck auf der ansonsten weißen Fassade? Im dritten Teil seiner Serie zur Geschichte Heiligendamms erklärt Prof. Joachim Skerl die Hintergründe der Gestaltung des Kurhauses. 

Das Kurhaus in Heiligendamm hat von Anfang an nicht die sonst in Badeorten üblichen Anwendungen für Gesundheit geboten, sondern diente als ein Empfangs-, Tanz-, Gesellschafts- und Speisehaus. Der bildnerische Schmuck des Gebäudes entspricht dieser Zweckbestimmung – doch was bedeutet er überhaupt?

Der Klassizismus übernahm neben den Bauformen der Antike auch deren Bildformen und -inhalte. So kam es, dass griechische und römische Göttersagen auch im Norden Einzug hielten. Als es um den Bau des Kurhauses in Heiligendamm ging, wählte Hofbaumeister Severin als Hauptträger des Bildschmuckes am Kurhaus nicht wie beim antiken Tempel das große Giebelfeld, sondern die Tür- und Fensterbekrönungen der hinter der Säulenfront zurückgesetzten Fassade. Er entschied sich für eine Lünette (Halbmondform) über der Mitteltür und je drei Rechteckfelder über den Fenstern. Über dem Eingang ist sitzend Hygieia mit den Attributen der Heilkunde „Schale“ und „Schlange“ dargestellt. Sie ist die Tochter des Asklepios, einem Sohn des Gottes Apoll. Die Darstellung soll darauf verweisen, dass sich Heiligendamm in der Tradition der griechischen Asklepeien (griechische Kurorte) versteht.

Ewiges Motto: Auf dem Gebälk des Kurhauses steht bis heute der lateinische Leitspruch Heiligendamms. Foto: ECH

Die Relieffelder über den Fenstern zeigen ein Seemotiv. Nereiden und Tritonen, antike Mischwesen der Meere, schwimmen Geschenke haltend auf den Eingang zu. In der griechischen und römischen Kunst und später vor allem im Barock wird dieses Motiv häufig dargestellt im Zusammenhang mit einem Festzug anlässlich der Hochzeit des Meeresgottes Poseidon/Neptun. Er heiratet Amphitrite, eine Schwester der Nereiden, wodurch die Dynastie ihres Vaters Nerios auf den neuen olympischen Meeresgott Poseidon übertragen wurde. Das Motiv des Festzuges ist ein schöner Hinweis auf die Funktion des Gebäudes. Die weißen Reliefs auf blauem Grund erinnern an Wedgwood Porzellan, das um 1800 gebräuchlich war und das auch die Schweriner Herzogsfamilie nutzte. Es ist möglich, dass von dort die Anregungen für die farbige Gestaltung der Relieffelder kamen.

Seemotiv: Antike Mischwesen der Meere schwimmen Geschenke haltend auf den Eingang des Kurhauses zu. Foto: ECH

Beim Porzellan besteht die blaue Farbe, auf der die weißen Reliefs appliziert sind, aus Kobalt. Auf einem Kalkputz wie bei der Kurhaus-Fassade musste jedoch ein anderer Farbträger gewählt werden. Nur das ursprünglich verwendete Pigment aus dem gemahlenen Halbedelstein Lapislazuli erzielt die Leuchtkraft dieses strahlenden Ultramarins. Obwohl es bis heute teurer ist als Gold, wurde es bei der Sanierung erneut verarbeitet.

Einige Jahre vor dem Bau des Kurhauses hatte Severin in Doberan mit dem Theater am Kamp sein erstes großes öffentliches Gebäude errichtet. Im Vorfeld reiste er nach Berlin, um Gottfried Schadow für die bildhauerischen Arbeiten an diesem Gebäude zu gewinnen und sich mit seinem alten Lehrer Prof. Heinrich Genz über die künstlerische Gestaltung grundsätzlich zu beraten. War Severin für das Kurhaus noch von diesen Berliner Erfahrungen inspiriert?

Mögliche Inspiration: Die weißen Reliefs auf blauem Hintergrund erinnern an Wedgwood Porzellan, welches  auch die Schweriner Herzogsfamilie nutzte. Foto: ECH

Oder hat er einen anderen Bildhauer aus dem Umfeld von Schadow für die Arbeiten hinzugezogen? Wir wissen es nicht. Leider findet man in den Archiven nichts über den ausführenden Künstler der qualitätsreichen bildhauerischen Arbeit. Die Erfahrungen aus dem Theaterbau hatten aber sicher Einfluss auf die Gestaltung in Heiligendamm. In einem Brief vom 21. Februar 1804 an den Schweriner Kammerpräsidenten von Dorne berichtete er ausführlich über seine Bemühungen und Erfahrungen: „In Berlin habe ich auch auf den meisten Gebäuden keine Statuen mehr gefunden, sondern die Fassaden wurden mit Basreliefs verziert.“

Hauptträger der Architektursprache bleibt die Tempelfassade im Ganzen. Die Säulen sind das inhalt- und maßstabgebende Element. Severin verwendet die toskanische Ordnung, bei der das Kapitell aus einem relativ kleinen Halbstab und einem begleitenden Ring gebildet wird. Durch das Fehlen von Basisprofilen kam es häufig zu Fehlinterpretationen als dorische Säulen. Auf eine Kannelierung musste jedoch bei aus Backstein gemauerten Säulenschäften verzichtet werden. Um die maßstabgebende Funktion der Säulen nicht zu beeinträchtigen, wurde bei der Sanierung auf eine Sicht behindernde Brüstungsmauer vor der Terrasse verzichtet. Eine stützenfreie und zudem versenkbare Kristallglaswand ermöglicht nach der Sanierung nun wieder den ungehinderten Blick auf den Tempel.

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