Die Geschichte Heiligendamms – Teil 11: Die beiden Waldkapellen

Erst spät entstanden in Heiligendamm Kirchen. Die katholischen und evangelischen Badegäste verlangten danach. Die Entwürfe der beiden heute noch erhaltenen Kapellen stammten von Gotthilf Ludwig Möckel. Im elften Teil seiner Geschichts-Serie beschäftigt sich Prof. Joachim Skerl mit den einstigen Planungen der katholischen Kapelle im Kurwald und der evangelischen Kirche am südöstlichen Rand des kleinen Wohlds.

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Erst spät entstanden in Heiligendamm Kirchen. Die katholischen und evangelischen Badegäste verlangten danach. Die Entwürfe der beiden heute noch erhaltenen Kapellen stammten von Gotthilf Ludwig Möckel. Im elften Teil seiner Geschichts-Serie beschäftigt sich Prof. Joachim Skerl mit den einstigen Planungen der katholischen Kapelle im Kurwald und der evangelischen Kirche am südöstlichen Rand des kleinen Wohlds.

Fast unvermittelt trifft der Spaziergänger in den Wäldern um Heiligendamm auf zwei kleine Kirchen, eine katholische Kapelle im Kurwald und eine evangelische am südöstlichen Rand des kleinen Wohldes. Versteckt hinter Bäumen werden sie vom flüchtigen Besucher kaum wahrgenommen. Sie sind nicht direkt Teil des Bauensembles des Kurbades und dennoch gehören sie unlösbar dazu.

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Neuland: Möckels Architektur der katholischen Kirche verlässt die gewohnten Bauformen der Gotik. Foto: ECH

Die abseits gelegenen Waldkirchen charakterisieren erst den Ort im Wald, das Verborgene, das Märchenhafte, das Unheimliche. „Hinter den schuldlosen Bäumen lauert die alte Verhängnis“ – so sah Rainer Maria Rilke den Heiligendammer Wald. Die beiden Kapellen machen den Ort der Walddüsternis zu einem Ort hoffnungsvoller Besinnung. „Hic domus dei est et porta coeli“ (Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels) steht über dem Eingang der kleinen katholischen Kapelle, wie ein Gegenmotto zum Spruch über dem Kurhaus.

Es verwundert heute, dass erst nach knapp hundert Jahren Bautätigkeit in Heiligendamm, in denen der Ort zu einer beachtlichen Größe gewachsen war, an die Errichtung von Kirchen gedacht wurde. Zu sehr war man wohl in griechischer Mythologie und romantischer Naturschwärmerei befangen. Den katholischen Badegästen aus Süddeutschland und Österreich fehlte zunehmend ein Gotteshaus. Ihres Anliegens nahm sich der ebenfalls katholische großherzogliche Badeintendant Kammerherr Hermann von Suckow an.

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Traditionell: Gotische Bauformen bestimmen das Erscheinungsbild der evangelischen Kirche. Foto: Kirsten Brasche-Salinger

Als er den Bau beantragte, stieß er dabei jedoch nicht auf große Zustimmung des Großherzogs. Dieser stellte 1873 lediglich den abseits gelegenen Bauplatz zur Verfügung. Die Gelder für den Bau wurden durch private Spenden aufgebracht. Um die komplette Bausumme abzudecken, nahm von Suckow schließlich einen persönlichen Baukredit auf. „Deo gratias“ jubelte er, als am 23. August 1888 nach 15-jährigem Bemühen die Kirche geweiht und die erste Messe gefeiert wurde. Die Kirche unterstand zunächst dem Herz-Jesu-Orden, der gleichzeitig Sacré Coeur in Paris baute. Der Orden erregte in Schwerin Misstrauen. 1887 hieß es dazu: „Die Kirche kann eigentlich nur für den Zweck der Propaganda gemeint sein.“ Aus diesem Grund wurde die Kapelle dann der Pfarrei in Rostock unterstellt. Das Misstrauen war unbegründet: Bis Ende der 1980er Jahre fanden hier regelmäßig Messen statt.

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Juwel: Die Mosaikfenster der katholischen Waldkirche sind erhalten. Über dem Eingang steht “Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels”. Foto: Kirsten Brasche-Salinger

Für den Entwurf der kleinen Kapelle wurde der gerade mit den Restaurierungsarbeiten am Doberaner Beinhaus und am Münster beauftragte Architekt Gotthilf Ludwig Möckel gewonnen. Möckels Grundriss verlässt die gewohnten Bauformen der Gotik, indem er den Zentralraum und das Langhaus miteinander verbindet. Der ungewöhnliche 7/10 Chor, fast eine Kreisform, nimmt dabei die Hälfte des Raumes ein. Das daran anschließende Langhaus vermittelt mit seinen zwei Jochen nicht den Eindruck eines vollendeten Richtungsraums. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Vor- und Nachteile beider Raumformen ohne Ergebnis heftig im deutschen Kirchenbau diskutiert. Die hiesige Kirche ist damit ein besonderes Geschichtszeugnis ihrer Zeit.

Auch die evangelischen Badegäste verlangten nun eine Kirche in Heiligendamm. Sowohl der Großherzog als auch die Pastoren zu Doberan sahen dafür aber keine Notwendigkeit. Stattdessen fuhr ein Sonderzug, den die Heiligendammer unentgeltlich benutzen konnten, sonntags nach Doberan zum Gottesdienst. Die Wünsche nach einem eigenen Gotteshaus verstummten dadurch aber nicht. Anlässlich der 100 Jahr-Feier Heiligendamms stiftete der Großherzog dafür die damals beachtliche Summe von 10.000 Mark und gründete einen Kirchenbauverein. Als Bauplatz stellte er den Lieblingsspielplatz seiner Kindheit am Rande des kleinen Wohlds zur Verfügung.

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Über dem Eingang der katholischen Waldkirche steht “Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels”. Foto: Kirsten Brasche-Salinger

Wieder stammte der Entwurf von Möckel, der inzwischen in Doberan ansässig war. Traditionelle gotische Bauformen bestimmen das Gebäude. Ein dreijochiger kreuzrippengewölbter Saal führt zu einem eingezogenen 5/8 Chor. An der Südseite ist asymmetrisch ein quadratischer Turm zugeordnet. Der rote Backsteinbau ist mit Putzblenden, Formsteinen und Glasurziegeln geschmückt. Trotz ihrer geringen Größe ist die Kapelle von beeindruckender Wirkung.

Beide Waldkirchen Heiligendamms erhalten ihren Zauber aus der landschaftlichen Lage. Der rote Backstein strahlt aus dem Grün des Waldes oder leuchtet durch die schneeverhangenen Bäume. So betrachtet, gewinnt der gotisierende Historismus Möckels die ihm gebührende Wertschätzung. Die beiden Waldkapellen sind nicht aus einer Mode entstanden, die beliebig in die Schatzkammer der Stile greift. Sie sind ästhetisches Programm.

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