Die Geschichte Heiligendamms – Teil 6: Der Landschaftsgarten

Das Gesamtbild Heiligendamms ist geprägt von Klassizismus und Romantik. Die Gartenkunst hatte dabei schon früh eine hohe Bedeutung. Prof. Joachim Skerl erklärt, warum Heiligendamm ohne die direkte Verbindung zur Natur gar nicht vorstellbar ist.

Das Gesamtbild Heiligendamms ist geprägt von Klassizismus und Romantik. Die Gartenkunst hatte dabei schon früh eine hohe Bedeutung. Prof. Joachim Skerl erklärt, warum Heiligendamm ohne die direkte Verbindung zur Natur gar nicht vorstellbar ist.

Die großen geistigen, wirtschaftlichen und politischen Veränderungen am Ende des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts werden in ihren Auswirkungen auf die Kunst mit den Begriffen Aufklärung, Empfindsamkeit, Klassizismus und Romantik bezeichnet. Alle Geistesströmungen bündeln sich in einem Gesamtkunstwerk, in dem Landschaft und Architektur, Natur und Kunst sich verklären. Der Landschaftsgarten wird zur Manifestation des Zeitgeistes. Der sich von den streng geometrischen Regeln des Barock lösende Garten wird zum Ausdruck einer geistig philosophischen Wende und zum Idealbild eines naturverbundenen Lebens. Das Gestaltungsprinzip des Architektonischen wird abgelöst durch das Malerische. In dem neuen „Landschaftsbild“ fließen Freiräume ineinander und geben Sichtachsen frei.

Gesamtkunstwerk: Heiligendamm ist ohne die direkte Verbindung zur Natur gar nicht vorstellbar.

Gesamtkunstwerk: Heiligendamm ist ohne die direkte Verbindung zur Natur gar nicht vorstellbar. Foto: Thomas Grundner

In ihren Anfängen ist die neue Gartenkunst, von England und Frankreich ausgehend, eine rein geistige Bewegung, getragen von Dichtern, Malern und Philosophen. Anregungen für die Parkgestaltung wurden zunächst auf Bildungsreisen gewonnen, wie die Entstehung des Wörlitzer und Ludwigsluster Parks zeigen. Die erste geschlossene deutschsprachige Darstellung theoretischer Grundsätze, praktischer Anleitung und der Zusammenfassung bisheriger Leistungen der Gartengestaltung stammt von Hirschfeld. Von 1779 bis 1785 erschienen fünf Bände. Er betont zwei allgemeine Gesetze der Gartenkunst: Die Verstärkung der schönen ländlichen Natur und die Verknüpfung mit Gegenständen von Kunst und Baukunst. Im Gegensatz zur Malerei verändert sich das „Bild“ des Gartengestalters nach Tages- und Jahreszeiten. Es vermittelt die Stimmungen des wechselnden Lichtes und der Farben.

Philosophie: Die Gestaltung des Naturraums diente laut Hirschfelds „Theorie der Gartenkunst“ der „Bereicherung der Empfindungen“.

Philosophie: Die Gestaltung des Naturraums diente laut Hirschfelds „Theorie der
Gartenkunst“ der „Bereicherung der Empfindungen“. Foto: Archiv Dr. Mohr/ECH

In gleicher Weise beschreibt Hegel den malerischen Garten: „Die Parkanlage nämlich ist nicht architektonisch, kein Bauen mit freien Naturgegenständen, sondern ein Malen, das die Gegenstände in ihrer Natürlichkeit belässt und die große freie Natur nachzubilden strebt.“ (Ästhetik Bd. 2, Berlin und Weimar 1984, S. 85) Aus der Tiefe der Natur entfalten sich innere Unendlichkeit und Fülle der Kunst. Das erklärt die Begeisterung für die Gartenkunst in einer Zeit schwärmerischer Naturverehrung, in der Kunst allgemein als ein „tätiges Band zwischen der Seele und der Natur“ angesehen wurde, wie es der Philosoph Schelling ausdrückte. Auch für Hirschfeld ist die Gartenkunst Philosophie. Sie führt zur wahren „Aufheiterung der Seele“, „Bereicherung der Empfindungen“ und „Verfeinerung der Gefühle“. In welchem Maß Hirschfelds „Theorie der Gartenkunst“ Einfluss auf die Gestaltung Heiligendamms hatte, ist nicht zu belegen. Der darin beschriebene Geist der Zeit ist jedoch nachzuempfinden. Bei Hirschfeld ist zu lesen: „In der Tat ist der Garten nicht bloß bestimmt, ein Aufenthaltsort des Vergnügens zu sein, obgleich die Gartenkunst zuerst von diesem Vergnügen ausgeht. Er soll die Wohnung der Erquickung nach dem Kummer, der Ruhe aller Leidenschaften, der Erholung von der Mühe, der heitersten Beschäftigung der Menschen sein.“

In über 200 Jahren hat Heiligendamm den Charakter eines Seebades gewahrt. Die städtebauliche, architektonische und landschaftliche Struktur des Ortes entspricht dieser Funktion. Die Bauzeit, von Beginn bis Ende des 19. Jahrhunderts, hat die Einheitlichkeit und Geschlossenheit vollendet. Spätere Eingriffe sind bewusst unterlassen worden. Hirschfeld spricht von einer „Veredlung der Werke der Natur und Verschönerung einer Erde, die auf eine Zeit unsere Wohnung ist.“ (Zitate aus Hirschfeld Bd.1, 4. Abschnitt, S. 154 ff.)

Hortensien: Vor der Burg Hohenzollern präsentiert sich jedes Jahr eine Pflanzenpracht.

Hortensien: Vor der Burg Hohenzollern präsentiert sich jedes Jahr eine Pflanzenpracht. Foto: Prof. Joachim Skerl

Drei Räume öffnen sich dem Meer vor der Kulisse des Buchenhochwaldes, der mittlere als Festplatz, der westliche als meditativer Park, der östliche als eine sonnenbeschienene Wiese. Die Bauten fügen sich in den Landschaftsraum, gliedern und akzentuieren ihn, finden den Gleichklang. Die Proportionalität aller Teile des Einzelbauwerks und des Gesamtensembles entsprechen dem Ordnungsprinzip der Natur. Zwischen der bis zum Horizont reichenden Fläche des Wassers und der undurchdringlich scheinenden Unendlichkeit des Waldes spannen sich die Architekturräume. Hier werden Mythen und Märchen lebendig. „Jetzt in der mondbeglänzten Waldesnacht beginnen die Elfentänze und das nordische Sommernachtswesen musste seine schwebende Feierstunden halten, während leise klingend die Wellen ihren im Monde leuchtenden Schaum an die Ufer rollen.“ (aus Fanny Lewald: Vom Sund zum Posilipp, Berlin 1883, S. 6)

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