Die Geschichte Heiligendamms – Teil 10: Die Planung der Perlenkette

Die Perlenkette in Heiligendamm ist ein gelungenes Beispiel für eine neue Architektursprache innerhalb des Historismus. Einige architektonische Entwürfe kamen glücklicherweise nicht zur Ausführung. Im zehnten Teil seiner Geschichts-Serie beschäftigt sich Prof. Joachim Skerl mit der einstigen Planung der Perlenkette – und damit mit der Entstehungsgeschichte der Bäderarchitektur in Heiligendamm.

Die Perlenkette in Heiligendamm ist ein gelungenes Beispiel für eine neue Architektursprache innerhalb des Historismus. Einige architektonische Entwürfe kamen glücklicherweise nicht zur Ausführung. Im zehnten Teil seiner Geschichts-Serie beschäftigt sich Prof. Joachim Skerl mit der einstigen Planung der Perlenkette – und damit mit der Entstehungsgeschichte der Bäderarchitektur in Heiligendamm.

Die Entstehungsgeschichte der Perlenkette fällt in eine Zeit, in der Architekten nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten suchten. Die in kurzen Abständen entstandenen unterschiedlichen Entwürfe für die Strandvillen zeigen das Herantasten an eine neue Bauaufgabe: die Bäderarchitektur.

Immer breitere Schichten des Bürgertums suchten für eine begrenzte Zeit der Hektik, dem Lärm und der Umweltverschmutzung in den Städten zu entfliehen. In einer ländlichen Umgebung wurde Erholung gesucht. Die Ostseeküste bot dafür die beste Gelegenheit, sich in Sonne und frischer Luft aufzuhalten, zu baden, Sport zu treiben und zu wandern. Aus diesem Bedürfnis entstand ein neuer Bautyp: die Ferienwohnung. Sie sollte bei angemessener Größe genügend Bequemlichkeit bieten und das Gefühl für den heiteren Aufenthalt an einem landschaftlich reizvollen Ort vermitteln. Balkone, Loggien und Veranden ermöglichten den Aufenthalt in der freien Natur auch unabhängig vom Wetter.

Die Bäderarchitektur entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der ornamentale Reichtum bisheriger Stilepochen stand den Architekten in der Ausgestaltung frei zur Verfügung. Noch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde der Historismus als Stilgemisch abgelehnt. Erst gegen Ende des Jahrhunderts werden die Vorzüge dieser dekorativen Architektur erkannt. Der Formenschatz bisheriger Stile konnte jedoch für die Bäderarchitektur nur bedingt übernommen werden, da dieser für gewöhnlich zur Gestaltung repräsentativer Bauten in den Städten verwandt wurde. Griff man dennoch darauf zurück, musste er abgewandelt und den veränderten Bedürfnissen angepasst werden – eine schwierige Herausforderung für den Architekten.

Die Perlenkette ist ein gelungenes Beispiel für diese neue Architektursprache innerhalb des Historismus. Den ausgeführten Bauten gingen diverse Studien unterschiedlicher Architekten voraus. Erst am Ende dieser Entwicklung entstand die zauberhafte kleinteilige Differenzierung der Details und Ornamente bei gleichzeitiger Zusammenfassung der Baukörper, die den besonderen Reiz der Perlenkette ausmacht. Der Schweriner Architekt Wilhelm Stern war Anfang der 1850er Jahre von Friedrich Franz II. zunächst mit den Entwürfen beauftragt. Er variierte einen Gebäudetyp, der sich an die Burgen-Architektur und an toskanische Renaissance-Villen anlehnt. Mit der mittelalterlichen Burg und der Landvilla verbindet der Betrachter zwar ein landschaftliches Erlebnis, das Gefühl heiterer Ferienstimmung vermochten die Häuser aber nicht zu vermitteln. Sie bleiben in sich geschlossen und abweisend.

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Entwürfe: Architekt Wilhelm Stern plante am Strand von Heiligendamm ursprünglich recht monotone Villen. Auch seine neugotischen Entwürfe für von 1852 für die Häuser Greif (links) und Perle (rechts) wurden nicht ausgeführt. Foto: LHAS Domanialamt Doberan

In dem ersten Entwurf Sterns wirken Balkone und Loggien nicht als selbstverständlicher Bestandteil der Struktur, sondern die Gebäudekörper wirken wie „ausgehöhlt“. Die wiederkehrenden Risalite, Giebel und Türme erscheinen monoton. Dazu trägt auch die fast durchgängige Fassadengestaltung im „Rundbogenstil“ bei. Auch Sterns neogotische Entwürfe von 1852 für die Häuser Perle und Greif wurden nicht ausgeführt. Sie besitzen nicht den romantischen Reiz der von Demmler vorher gebauten Burg Hohenzollern. Kleinteilige, der Gotik entlehnte Bauformen werden in dem Entwurf additiv zusammengefügt. Die aus seinem Gesamtplan entnommenen Häuser entsprechen dabei schon eher dem Duktus der nachfolgenden Bebauung.

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Nicht realisiert: Hermann Willebrand versuchte sich 1866 an einem Entwurf zur Erweiterung der Villa Perle. Foto: LHAS Domanialamt Doberan

Ein weiterer nicht realisierter Entwurf war ein späterer Versuch im Auftrag des Großherzogs, auf der Fläche zwischen den jetzigen Häusern Seestern und Anker eine Gaststätte zu bauen. Dieser Bau hätte den reizvollen Rhythmus der gleichgroßen Häuser der Perlenkette zerstört. Nach Fertigstellung der gesamten Reihe 1862 entsprach aber das Haus Perle nicht mehr dem Charakter eines „Endpunktes“. Hermann Willebrand, mecklenburgischer Baukondukteur, versuchte sich 1866 an einem Entwurf, um das Haus zu vergrößern und architektonisch aufzuwerten. Es sollte für Prinz Wilhelm, den Bruder von Friedrich Franz II., als Sommerhaus dienen. Mit aufwändigen Formen überhäuft, wäre das neue Gebäude zu einem Fremdkörper in einer Parklandschaft geworden, die durch ihre Weite und Schlichtheit geprägt ist. Deshalb wurde auch dieser Entwurf nicht realisiert.

Willebrand war es immer wieder gelungen, wie bei dem Rostocker Universitätsgebäude, Motive der italienischen Renaissance zu einer gestalterischen Einheit zusammenzufassen. Mit seiner monumentalen Architektursprache vermochte er aber nicht, den bestimmenden Charakter des Badeortes Heiligendamm zu erfassen. Erst 1872 wurde der gelungene Entwurf des Berliner Büros Kaiser und von Großheim mit dem Anbau der Villa Großfürstin Marie realisiert. Planung und Ausführung der Perlenkette zeigen damals wie heute, wodurch sich die Architektur Heiligendamms auszeichnet: Die Landschaft ist Rahmen und Maßstab, und die stimmige Architektur ist für die Gestalter Heiligendamms wichtiger als eine schnelle Realisierung.

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