Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 4: Hitler und die Nazis stiften Unruhe

Harald Uhl hat das „alte Heiligendamm“ in den 1920er und 30er Jahren erlebt. Zusammen mit seinen Eltern machte er damals in den Sommerferien oft Urlaub dort. Für Zukunft Heiligendamm schildert der in Hamburg lebende 90-Jährige einige seiner Erinnerungen. Im vierten Teil seiner Serie berichtet er über den Sommer 1935, in dem plötzlich Hitler und die Nazis in Heiligendamm auftauchten…

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Harald Uhl hat das „alte Heiligendamm“ in den 1920er und 30er Jahren erlebt. Zusammen mit seinen Eltern machte er damals in den Sommerferien oft Urlaub dort. Für Zukunft Heiligendamm schildert der in Hamburg lebende 90-Jährige einige seiner Erinnerungen. Im vierten Teil seiner Serie berichtet er über den Sommer 1935, in dem plötzlich Hitler und die Nazis in Heiligendamm auftauchten…

Im Sommer 1935 hatte sich die unbeschwerte Szenerie im sommerlichen Heiligendamm erheblich verändert durch die zeitweilige Anwesenheit der Nazigrößen Hitler und Goebbels, die sich im Grand Hotel einquartiert hatten und die Ferienatmosphäre stark beeinflussten. Für meine Familie ergab sich durch das Verhalten meines Vaters eines Tages eine sehr prekäre Situation: Mein Vater wollte an einem Vormittag wie gewohnt zum Trainieren den Tennisplatz aufsuchen und schritt mit mehreren Tennisschlägern im Arm von der Villa Perle auf die dort befindliche kleine Pforte zu; ein SS-Mann trat energisch auf ihn zu und verbot ihm laut und deutlich hindurch zu gehen.

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Mutig: Vater Uhl ließ sich auch von den Nazis nicht von seinem Tennistraining in Heiligendamm abhalten. Foto: Archiv Harald Uhl

Mein Vater ließ sich nicht beirren und sagte ebenso laut und deutlich: „Ich gehe seit 25 Jahren durch diese Pforte, um den Tennisplatz aufzusuchen, das werde ich auch heute tun, und für mich sind Sie Luft – und zwar schlechte!“ Meine Mutter, die auf der Terrasse der Villa Perle stand, erstarrte vor Angst und Schrecken. Der SS-Mann war vollkommen perplex und wohl so überrumpelt, dass er überhaupt nicht reagierte. Inzwischen hatte mein Vater die Pforte geöffnet, durchschritten und sogar ordnungsgemäß wieder geschlossen. Meine Mutter war ins Haus geflüchtet und harrte angstvoll der Dinge, die kommen würden. Vater kehrte nach zwei Stunden Training unversehrt zurück, der Vorfall hatte keinerlei Auswirkungen, was uns allen wie ein Wunder erschien. Aber ein leichtes Angstgefühl begleitete uns noch lange Zeit.

Während dieser Ferienwochen ereignete sich außerdem ein bedauerlicher Vorfall, den meine Mutter verursacht hatte. Und zwar gab es oben im Kurhaus einen Spielsaal mit Roulette und Pokertischen. Da Glückspiele bei Strafe verboten waren, hatte man unten im Speisesaal des Kurhauses an diversen Stellen Alarmknöpfe unter den Teppichläufern in Tischnähe installiert, die vom Personal betätigt wurden, sobald „Gefahr im Verzug” war. Die Spieltische wurden für Bridge, Canasta und andere harmlose Kartenspiele umgewandelt, der Roulettetisch mit einem Tuch zugedeckt, so dass sich im Ernstfall eine total harmlose Szenerie darstellte.

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Falscher Alarm: Mutter Uhl versetzte die Glücksspieler im Kurhaus in helle Aufregung. Foto: Archiv Harald Uhl

Meine Mutter war vom Tisch im Speisesaal aufgestanden, um Freunden entgegenzugehen, mit denen sie zum Essen verabredet war. Im überschwänglichen Begrüßungs-Hallo verfing sie sich in ihrem Abendkleid, geriet zu dicht an die Läuferkante und trat auf den Alarmknopf. Oben wurde mit großem Tempo alles umgewandelt. Gleichzeitig geriet ein jüdischer Gast jedoch völlig in Panik, rannte zum Fenster und sprang aus dem ersten Stock. Leider befand sich direkt unter diesem Fenster ein Glasdach über dem Terrassenteil, und der Herr landete mit diversen glücklicherweise leichten Schnittverletzungen am Boden.

Auch hier gab es zum Glück kein Nachspiel. Mir selbst haben meine Eltern die Geschichte dieser gefährlichen Situation auch erst viele Jahre später erzählt.

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 1: Aufregung im Sommer 1924

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 2: Erster Preis im Burgenbauen

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 3: Aufregende Tennisturniere

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 5: Königlicher Besuch

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 6: Siegerehrung bei der Großherzoglichen Familie 

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