Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 6: Siegerehrung bei der Großherzoglichen Familie

Harald Uhl hat das „alte Heiligendamm“ in den 1920er und 30er Jahren erlebt. Im sechsten Teil seiner Serie berichtet der 90-Jährige über den Sommer 1937, in dem er in vier verschiedenen Klassen am Tennisturnier teilnahm und den Siegerpreis der Jugendklasse A gewann. Zur Siegerehrung lud die Großherzogliche Familie in das Alexandrinen-Palais…

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Harald Uhl hat das „alte Heiligendamm“ in den 1920er und 30er Jahren erlebt. Im sechsten Teil seiner Serie berichtet der 90-Jährige über den Sommer 1937, in dem er in vier verschiedenen Klassen am Tennisturnier teilnahm und den Siegerpreis der Jugendklasse A gewann. Zur Siegerehrung lud die Großherzogliche Familie in das Alexandrinen-Palais…

Der Sommer 1937 brachte für mich das allergrößte Erlebnis unserer Ferienaufenthalte in Heiligendamm und einen ganz besonderen sportlichen Erfolg. Erstmals durfte ich mit 14 Jahren in vier verschiedenen Klassen am Tennisturnier teilnehmen und zwar Knaben-Klasse A, Jugend A, Mixed B mit Mutter Daisy, Herren-Doppel B mit Vater Shorty. Alle Uhls, auch mein Bruder, spielten in vier bis fünf Turnierklassen, so dass die Turnierleitung schier verzweifelte, uns alle in den Zeitplan einzusetzen.

Mein Vater hatte als Davispokal-Kapitän ungeheure Erfahrungen bei Turnierplanungen erworben und half der Turnierleitung nach besten Kräften in der Organisation, so dass alle Spiele planmäßig stattfinden konnten. Mir gelang der “ganz große Wurf”, indem ich neben mehreren Platzierungen den Siegerpreis der Jugendklasse A gewann.

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Tennisbegeistert: Die gesamte Familie Uhl spielte leidenschaftlich gerne Tennis. Hier sind Harald Uhl und Vater Shorty (wahrscheinlich im Sommer 1931) zu sehen. Foto: Archiv Harald Uhl

Nach kurzer Siegerehrung auf dem Tennisplatz direkt nach dem Endspiel gab es alle Jahre die große Preisverleihung an alle Sieger des Heiligendammer Sommerturniers im Alexandrinen-Palais. Die Großherzogliche Familie lud dorthin zu einem festlichen Mittagessen ein. Am Vortag erschien der Diener des Großherzogs bei uns in der Villa Perle und in vornehmer Steifheit sprach er mit mecklenburgischem Akzent an meine Eltern gewandt: “Seine königliche Hoheit, der Großherzog von Mecklenburg und seine Gemahlin laden die Familie Friedrich Conrad Uhl morgen mittag pünktlich um ein Uhr zum Mittagessen mit feierlicher Preisverteilung in das großherzogliche Alexandrinen-Palais ein. Was darf ich als Ihre Antwort meinen Herrschaften vermelden?” Mein Vater nahm ebenfalls eine steife Haltung und antwortete: “Familie Uhl fühlt sich hoch geehrt durch die Einladung und nimmt dieselbe mit großem Dank an.”

Kaum war der Diener aus dem Haus, begannen meine Eltern mit Unterweisungen, wie mein Bruder und ich uns bei dieser Veranstaltung zu benehmen hätten: Keine eigene Unterhaltung beginnen, sondern immer warten, bis wir angesprochen werden; beim Essen keine Wünsche äußern; gesittet essen; vorsichtig trinken; still und bescheiden, vor allem ruhig sitzen und so weiter – die Liste der Vorschriften war nahezu unendlich.

Gleich danach war mein Vater ausschließlich damit beschäftigt, die Zeitspanne zu erkunden, die wir benötigen würden, um mit dem Auto – so war es üblich – von der Villa Perle bis zum Palais zu gelangen. Es war allgemein bekannt, dass der Großherzog sehr viel Wert auf Pünktlichkeit legte. Während dieser Phase aufgeregter Betriebsamkeit hatten mein Bruder und ich nichts Anderes im Sinn, als leicht despektierlich unseren Vater nachzuahmen, indem wir leise sein Zitat murmelten:”Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.”

Nun war der große Tag gekommen; wir erreichten pünktlich mit allen anderen Preisträgern und ihren Familien das Palais. Die großherzogliche Familie stand auf der kleinen Freitreppe, begrüßte alle und bat uns hinein. Die Tafel war festlich gedeckt und die Dienerschaft wies jedem Gast seinen Sitzplatz an. Ich erstarrte vor Ehrfurcht, da ich den Platz neben Großherzogin Alexandra in der Tafelmitte einzunehmen hatte. Meine Eltern am Tischende gegenüber waren außerordentlich nervös. Die Großherzogin begann sofort ein Gespräch mit mir, fragte zunächst nach meinem Tennis-Endspiel, wollte alles über meine Schule in Berlin wissen und fragte nach meinen weiteren Interessen.

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Für ein Gruppenfoto gesellte sich die Großherzogliche Familie zu den Teilnehmern des Heiligendammer Sommerturniers 1937. Foto: Archiv Harald Uhl

Ich war total begeistert und plauderte munter drauflos; alle elterlichen Unterweisungen waren vergessen. Ermuntert durch die freundliche Zugewandtheit der Großherzogin, begann ich ihr diverse Kinder- und Jugendwitze zu erzählen. Sie amüsierte sich “königlich” und lachte so herzhaft, dass meine Eltern immer blasser wurden. Unterdessen kam ich kaum dazu, die köstlichen Speisen zu genießen, da ich die Zeit gänzlich “verplauderte”. Kaum war die Nachspeise serviert, legte der Großherzog sein Besteck nieder, und das bedeutete: die Mahlzeit ist beendet.

Sodann schritt die Großherzogin zur Preisverleihung, und ich erhielt einen wundervollen Silberkasten mit Preis-Gravur, verziert mit dem großherzoglichen Wappen. Ich war unendlich stolz und ergriffen, sodass meine Verbeugung zum Dank sehr tief und offenbar perfekt ausfiel. Meine Eltern waren erleichtert und froh, dass sich die Veranstaltung dem Ende zuneigte.

Zurück in der Villa Perle hielt mir mein Vater eine kräftige Standpauke. Nachdem aber am nächsten Tag alle Tennisfreunde zum Sieg gratulierten und meinen Eltern versicherten, dass sie die Großherzogin noch nie so fröhlich und gelöst erlebt hätten, war der Zorn verraucht und sie waren ebenfalls stolz und erfreut über meinen Preis. Leider ist dieser wunderschöne Silberkasten während des Zweiten Weltkrieges abhanden gekommen.

Diese erlebnisreichen und beeindruckenden Sommerferien 1937 waren für uns die letzte unbeschwerte Zeit in Heiligendamm. 1938 kamen wir nocheinmal dorthin, aber sowohl die Tennis- wie auch alle gesellschaftlichen Veranstaltungen wurden nun von der SS durchgeführt. Die Teilnehmerliste für das Tennisturnier war sehr verändert, viele unserer Freunde blieben fern. Auch mein Vater hatte beschlossen, keine Nennungen abzugeben. Unter dem Hinweis auf Sportverletzungen und dadurch fehlende Ranglisten-Qualifikation wurde dies problemlos akzeptiert, da auch hier alles auf Elite-Sport ausgerichtet wurde.

Von der Terrasse der Villa Perle aus konnten wir einen großen Auftritt von Adolf Hitler auf dem Balkon von Haus Mecklenburg beobachten; so fiel es meinem Vater leicht, die lange Tradition unserer Sommeraufenthalte in Heiligendamm zu beenden. Im nächsten Jahr brach der Zweite Weltkrieg aus…

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 1: Aufregung im Sommer 1924

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 2: Erster Preis im Burgenbauen

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 3: Aufregende Tennisturniere

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 4: Hitler und die Nazis stiften Unruhe

Meine Erinnerungen an Heiligendamm – Teil 5: Königlicher Besuch

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